In Deutschland entstehen immer mehr Windräder – doch was geschieht mit den alten Anlagen? Viele Rotorblätter lassen sich nicht verwerten. Ihre Entsorgung erfolgt häufig auf illegalen Deponien im Ausland. In einem kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze wurde das besonders deutlich: Elf Lkw luden mitten in der Nacht mehr als 90 Tonnen Schrott ab – darunter Rotorblätter aus Deutschland. „Die glaubten, das ist hier das Ende der Welt“, berichtet Barbora Šišková, Bürgermeisterin von Jiříkov. Wenige Wochen später rollten weitere Lkw an, erneut mit Teilen aus Windkraftanlagen. Laut Frachtpapieren stammte das Material aus Bayern – deklariert als gewöhnlicher Plastikmüll (welt: 31.03.25).
Illegale Entsorgung überwindet Grenzen
Die Rotorblätter sollten eigentlich recycelt werden, doch stattdessen liegen sie heute offen in der Landschaft. Nicht nur in Jiříkov, sondern auch an anderen Orten in Tschechien. Die Umweltschutzorganisation Arnika warnt vor schädlichen Fasern, die Boden, Wasser und Luft belasten. Das Problem reicht weit über einzelne Orte hinaus. Fast die Hälfte der deutschen Windkraftanlagen ist über 15 Jahre alt. Viele nähern sich dem Ende ihrer Laufzeit – wirtschaftlich lohnt sich ein Weiterbetrieb oft nicht mehr. Ohne staatliche Förderung steigen die Wartungskosten zu stark.
Illegale Entsorgung deutscher Windradteile in Osteuropa zeigt die Schattenseiten der Energiewende – ein Blick auf Ursachen und Folgen
Bereits jetzt fallen jährlich bis zu 5000 Tonnen Rotorblatt-Abfall an. In wenigen Jahren könnten es zehnmal so viele sein. In den USA landen ausgediente Blätter oft auf Mülldeponien. Diese Form der Entsorgung ist in Deutschland verboten. Stattdessen dienen die Bestandteile hier häufig als Brennstoff in der Zementindustrie. Dabei gehen wertvolle Rohstoffe wie Balsaholz oder Glasfasern verloren – offiziell heißt das „thermische Verwertung“.
Recyclingversprechen und Entsorgungsprobleme
Recyclingversprechen vieler Unternehmen halten selten, was sie verkünden. Das Karlsruher Institut für Technologie warnte bereits vor Jahren vor Scheinverwertung und Exporten auf illegale Halden. Erste Hinweise haben sich inzwischen bestätigt. Wissenschaftler arbeiten daher an neuen Verfahren. Armin Varmaz, Professor an der Hochschule Bremen, beschäftigt sich mit dem Rückbau von Windkraftanlagen. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut entstand ein Handbuch, das zeigt, wie sich selbst große Anlagen effizient abbauen lassen. Zwar bezog sich seine Forschung bislang vor allem auf Offshore-Anlagen – doch an Land seien die Abläufe vergleichbar, nur günstiger.
Rotorblätter stellen nach wie vor das größte Problem dar. Während Beton vor Ort zerkleinert und als Schotter verwendet werden kann, lässt sich Stahl einschmelzen. Doch die Flügel bestehen aus einem Materialmix, der kaum zu trennen ist. Harze, Kleber, Glasfasern und Balsaholz sind fest miteinander verbunden – bewusst so konzipiert, dass sich nichts voneinander löst.
Forschung für bessere Entsorgungslösungen
Der sogenannte Pyrolyseprozess verspricht eine mögliche Lösung. Niels Ludwig, Experte am Fraunhofer-Institut in Bremerhaven, untersucht gemeinsam mit seinem Team, wie sich Rotorblätter in ihre Bestandteile zerlegen lassen. In einem Spezialofen lösen sich Harze und Kleber, zurück bleibt reine Glasfaser. Die Idee überzeugt technisch – wirtschaftlich jedoch noch nicht. Recycelte Fasern kosten deutlich mehr als neue. Erst wenn sich der Preis halbiert, könne sich das Verfahren durchsetzen.
Um das zu erreichen, setzen die Forscher auf künstliche Intelligenz. Die Software soll erkennen, welche Fasern und Harze in den Altteilen enthalten sind. Nur durch sortenreine Trennung lassen sich Materialien effizient wiederverwerten. Ludwig betont: „Funktioniert das Verfahren einmal, kann man das auch für andere Produkte verwenden.“ Je breiter der Einsatz, desto günstiger das Verfahren – und desto nachhaltiger die Entsorgung.
Politik muss die Entsorgung neu regeln
Große Hoffnungen ruhen auf einem neuen Kunstharz, das sich mit milder Essigsäure auflösen lässt. Siemens Gamesa nutzt es bereits bei neuen Rotorblättern. Diese lassen sich künftig vollständig trennen und recyceln – zumindest theoretisch. Ob das Konzept auch im industriellen Maßstab funktioniert, bleibt noch unklar. Mindestens 20 Jahre müssen die neuen Rotoren halten, bevor die Trennbarkeit in der Praxis geprüft werden kann.
In Jiříkov wächst unterdessen der Druck. Bayerische Zollfahnder durchsuchten die Geschäftsräume des betroffenen Recyclingunternehmens. Der Vorwurf: illegale Ausfuhr von Müll. Der tschechische Umweltminister besuchte den Ort persönlich. Die betroffenen Einwohner warten weiterhin auf eine Lösung. Barbora Šišková fordert klare Konsequenzen: „Das Zeug soll endlich weg.“ Bis zur gesetzten Frist am 21. März passierte nichts. Die unsachgemäße Entsorgung liegt weiterhin offen – als Mahnmal einer unvollendeten Energiewende.
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